Welche Deutschkenntnisse Busfahrer im ÖPNV wirklich brauchen – und warum viele Unternehmen das Potenzial internationaler Fachkräfte unterschätzen

December 18, 2025
Eva Lotta Holtkamp

Der Fahrermangel im deutschen ÖPNV spitzt sich weiter zu. Während bundesweit tausende Stellen unbesetzt bleiben, wird in der öffentlichen Diskussion häufig ein Punkt diskutiert: die Hürde der hohen Deutschanforderungen für Busfahrerinnen und Busfahrer.


Doch unsere eigene Analyse von über 400 deutschen Busunternehmen zeigt ein anderes Bild:
Nur 8 % der untersuchten Unternehmen geben in ihren Stellenausschreibungen explizit „sehr gute Deutschkenntnisse“ als Voraussetzung an.


Dieser Wert überrascht viele – denn er widerspricht dem gängigen Eindruck, dass Sprache die größte Hürde bei der Beschäftigung internationaler Fachkräfte sei. Tatsächlich zeigt sich:
Die Branche ist weit offener, als oft angenommen – aber gleichzeitig unscharf, wenn es um konkrete Anforderungen geht.


Was Betriebe wirklich fordern – und was sie nicht fordern
Unsere Auswertung typischer Stellenanzeigen im deutschsprachigen Raum ergab:

  • Der Großteil der Unternehmen nennt gar kein konkretes Sprachniveau
  • Rund ein Drittel beschreibt Anforderungen vage („Deutschkenntnisse erforderlich“).
  • Nur eine kleine Gruppe wird präzise und verlangt „gute“ bis „sehr gute“ Kenntnisse.


Das heißt:
Sprachkenntnisse sind wichtig – aber längst nicht so streng definiert, wie viele denken.


Die Praxis zeigt zudem: Viele Unternehmen orientieren sich eher an ihrem Bauchgefühl oder ihrer bisherigen Erfahrung als an klaren Standards. Das bietet Chancen, führt aber auch zu Unsicherheiten bei Bewerbern und erschwert ein zielgerichtetes Recruiting.


Welche Sprachkompetenzen Busfahrer im Alltag tatsächlich brauchen

Aus unserer Tätigkeit als ehemalige Busunternehmer und aus zahlreichen Gesprächen mit Fahrern, Disponenten und Verkehrsunternehmen wissen wir: Es sind keine akademischen Sprachfähigkeiten gefragt – sondern praxisnahe Kommunikation.


Konkret bedeutet das:

  1. Kommunikation mit Fahrgästen
  2. Kommunikation mit der Leitstelle
  3. Umgang mit Ticket- und Bordrechnern
  4. Sicherheitssprache in Gefahrensituationen


Für all das reicht in den allermeisten Fällen ein solide aufgebautes B1-Niveau aus. Ein C1-Niveau – wie es Behörden deutschlernenden Zuwanderern abverlangen – ist für die Tätigkeit als Busfahrer deutlich überdimensioniert.


Warum internationale Fachkräfte oft an der Sprache scheitern – obwohl sie motiviert sind

Die Herausforderungen liegen selten im Willen oder im Können der Bewerber.
Stattdessen beobachten wir regelmäßig:

  • fehlende Orientierung, welches Sprachniveau wirklich nötig ist
  • unrealistische Forderungen an Bewerber
  • keine betriebliche Unterstützung beim Deutschlernen
  • hohe Kosten für externe Sprachkurse
  • mangelnde berufsspezifische Sprachprogramme


Dadurch entsteht ein Missverständnis:
"Internationale Fachkräfte sprechen nicht gut genug Deutsch."
In Wahrheit fehlen klare Erwartungen und praxisnahe Lernangebote.

Fazit: Die Branche hat mehr Potenzial, als sie nutzt

Unsere Analyse macht deutlich:

  • Die formellen Deutschanforderungen sind geringer, als öffentlich angenommen.
  • Ein großer Teil der Busunternehmen schreibt Sprachkenntnisse gar nicht aus.
  • Realistische Anforderungen und praxisnahe Sprachkurse können den Fachkräftemangel deutlich entschärfen.


Der Schlüssel liegt nicht im Perfektionismus, sondern in Klarheit, Orientierung und gezielter Unterstützung. Wenn die Branche die tatsächlichen Sprachanforderungen offener kommuniziert und Fachkräfte beim Einstieg begleitet, kann ein großer Teil des Fachkräftepotenzials schneller erschlossen werden – national wie international.